Beeinträchtigt Cannabis die Fahrtüchtigkeit
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Fahren unter dem Einfluss von Cannabis: Was gilt?

Es wird geschätzt, dass derzeit rund 100.000 Patienten in Deutschland Cannabis erhalten (1). Damit wird medizinisches Cannabis hierzulande immer verbreiteter. Die Anzahl der Cannabis-Verschreibungen wächst von Jahr zu Jahr (2). Außerdem wurde im April 2024 mit dem Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) der Besitz von Cannabis zwecks Freizeitkonsums unter bestimmten Voraussetzungen teillegalisiert. Daher sollte es auch nicht überraschen, wenn in den kommenden Jahren weitere Schritte auf dem Weg zur Legalisierung des Freizeitkonsums von Cannabis folgen könnten.

Vor diesem Kontext sind Diskussionen darüber, wie Cannabiskonsum den Alltag beeinflussen kann, relevanter denn je. Hierbei ist eine der wichtigsten Fragen, wie sich die Einnahme von Cannabis im Straßenverkehr auswirkt.

Fahren unter dem Einfluss von Cannabis: Was giltWie wirkt sich der Konsum von Cannabis auf die Fahrtüchtigkeit aus?

Fast die Hälfte der Cannabiskonsumenten (48%) in den USA sind laut einer Umfrage davon überzeugt, dass die Cannabiseinnahme die Fahrtüchtigkeit nicht beeinträchtigt. Hingegen gehen nur 14% der Nichtkonsumenten davon aus, dass Autofahren unter Cannabiseinfluss sicher sei (3). Die Meinungen sind also stark geteilt – aber wie verhält es sich nun tatsächlich?

Theoretisch kann das psychoaktive Cannabinoid, das Tetrahydrocannabinol (THC), die Aufmerksamkeitsspanne sowie die Zeit- und Geschwindigkeitswahrnehmung beeinträchtigen. Im Jahr 2010 veröffentlichte das American Journal of Addiction eine Studie, die zu keinem eindeutigen Schluss kam, ob Cannabis einen signifikant negativen Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit hat oder nicht (4).

Im Rahmen einer weiteren Untersuchung wurden die Teilnehmer gebeten, Alkohol oder Cannabis zu konsumieren. Anschließend wurde ihr Fahrverhalten in einem Fahrzeug-Simulator geprüft. Im Ergebnis zeigten Fahrer, die Cannabis konsumiert hatten, einen vorsichtigeren Fahrstil – bspw. fuhren sie langsamer und hielten mehr Abstand zu anderen Fahrzeugen, hatten jedoch aber auch eine verlangsamte Reaktionszeit (5).

Wenn Cannabis aus medizinisch-therapeutischen Gründen für eine konkrete Indikation verordnungsgemäß eingenommen wird und die Titrationsphase abgeschlossen ist, ist die Teilnahme am Straßenverkehr regulär möglich (6). Voraussetzungen sind, dass der Patient sich in einem stabilen Zustand befindet, die Einnahme des Betäubungsmittels sein Allgemeinbefinden nicht negativ beeinflusst und der Patient seine Fahrtüchtigkeit vor Fahrtantritt kritisch hinterfragt. Grundsätzlich gelten somit dieselben Anforderungen wie bei der Einstellung eines Opioids zur Schmerzbehandlung (7).

Betrachtet man die Situation in den USA und analysiert die Zahl der Unfälle in den US-Staaten, in denen Cannabis legal oder verboten ist, so stellt man fest, dass die Ergebnisse eher gemischt sind. Dies ist zum Teil auf die Schwierigkeit zurückzuführen, das Fahren unter Cannabiseinfluss zu messen, sowie auf die Tatsache, dass seit der Legalisierung noch nicht genügend Zeit vergangen ist, um statistisch relevante Daten zu sammeln. Daher kann derzeit kein kausaler Zusammenhang zwischen der Legalisierung und einem Anstieg der Verkehrsunfälle festgestellt werden. (8). Die meisten aktuellen Untersuchungen besagen, dass Alkoholkonsum die Fahrsicherheit stärker gefährdet als der Konsum von Cannabis.

Fahren unter dem CannabisRechtslage in Deutschland

In Deutschland wird das Autofahren unter Cannabiseinfluss durch mehrere Gesetze geregelt. Die wichtigsten Faktoren für die rechtliche Beurteilung sind, ob die Fahrtüchtigkeit durch eine Cannabiseinnahme negativ beeinflusst wird und ob diese Cannabiseinnahme zur Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer führen kann. Außerdem kann es sich je nach Fall um eine Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat handeln, oder – in medizinisch begründeten Ausnahmefällen – folgenlos bleiben.
In Einzelfällen kann die Fahrerlaubnisbehörde ein fachärztliches Gutachten sowie eine MPU anfordern. Hierbei wird insbesondere geprüft, ob die Cannabiseinnahme ausschließlich gemäß der ärztlichen Verordnung erfolgt. Ebenso werden drogenbedingte Straf- und Verkehrsauffälligkeiten und fahreignungsrelevante Erkrankungen beurteilt (9).

Autofahren unter Cannabiseinfluss Ohne Fahruntüchtigkeit – Bußgeld nach § 24a Abs. 1a StVG

Nach § 24a Abs. 1a des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) darf jemand unter Wirkung von Cannabis kein Kraftfahrzeug führen, wer 3,5 ng/ml oder mehr Tetrahydrocannabinol im Blutserum hat(10). Ein Verstoß gilt als Ordnungswidrigkeit. Der Nachweis des Cannabiskonsums erfolgt über eine Blutprobe. Sofern die Fahrtüchtigkeit des Fahrers während der Fahrt nicht beeinträchtigt wird, handelt es sich bei einem Verstoß hiergegen um eine Ordnungswidrigkeit, die bei der Erstbegehung in der Regel ein Bußgeld von 500 € und 2 Punkte beim Verkehrszentralregister in Flensburg nach sich zieht.

Cannabiseinnahme bei FahrenFahruntüchtigkeit – Straftat nach § 316 StGB

Anders verhält es sich, wenn der Fahrer bei der Fahrt fahruntüchtig ist, also nicht in der Lage, das Fahrzeug sicher zu führen. Fahruntüchtigkeit wird z.B. durch auffälliges Fahrverhalten festgestellt.
„(1) Wer im Verkehr (§§ 315 bis 315e) ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge des Genusses alkoholischer Getränke oder anderer berauschender Mittel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in § 315a oder § 315c mit Strafe bedroht ist.“(11)
In diesem Fall begeht der Fahrer eine Straftat, die mit einer Geld- oder gar Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft werden kann. Zusätzlich wird nach § 69 StGB in der Regel die Fahrerlaubnis entzogen. Bei einer Erstbegehung beträgt die Geldstrafe ca. 1 Monatsgehalt und der Entzug des Führerscheins erfolgt für ca. 1 Jahr.

Cannabiskonsum fahruntüchtigFahruntüchtigkeit + Gefährdung des Straßenverkehrs – Straftat nach § 315c StGB

Besonders schwerwiegend sind die Folgen, wenn der Fahrer aufgrund von Cannabiskonsum nicht nur fahruntüchtig ist, sondern auch noch den Straßenverkehr gefährdet. Dafür muss es nicht einmal zu einem Unfall kommen, sondern das Verursachen einer gefährlichen Verkehrssituation, eines sog. „Beinahe-Unfalls“, reicht schon aus. Dann droht entweder eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu 5 Jahren und zusätzlich der Führerscheinentzug (12).

Konsum von Cannabis im BlutAutofahren bei Cannabis-Patienten

Cannabis beeinflusst den menschlichen Körper anders als Alkohol. THC kann bis zu 30 Tage nach dem Konsum von Cannabis im Blut vorhanden sein (13). Patienten, die regelmäßig medizinisches Cannabis zu therapeutischen Zwecken anwenden, werden den Testgrenzwert von 1 Nanogramm THC pro Milliliter Blut immer überschreiten.

Doch das wird in der Regel nach § 24a Abs. 4 StVG für Cannabis-Patienten folgenlos bleiben:

„Die Absätze 1a, 2 Satz 1 und Absatz 2a sind nicht anzuwenden, wenn eine dort oder in der Anlage zu dieser Vorschrift genannte Substanz aus der bestimmungsgemäßen Einnahme eines für einen konkreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels herrührt.“

Das bedeutet, dass wenn der Fahrer als Cannabispatient aufgrund einer ärztlichen Verschreibung das Cannabis konsumiert hat, er keine Ordnungswidrigkeit begeht.

Wenn ein Cannabispatient einen Führerschein der Gruppe 2 (LKW und Bus: Klassen C, C1, CE, C1E, D, D1, DE, D1E sowie die Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung) beantragen oder verlängern möchte, ist nach §§ 11 und 48 der Fahrerlaubnisverordnung (FeV) eine Begutachtung gemäß Anlage 5 erforderlich.

Generell wird den betroffenen Patienten empfohlen, eine Kopie ihres letzten Cannabis-Rezeptes und einen vom Arzt ausgefüllten Cannabisausweis mitzuführen, um die legale Cannabiseinnahme nachweisen zu können. Alternativ kann der Arzt auch über seine Praxissoftware eine Bescheinigung ausdrucken die bescheinigt, dass der betreffende Patient Medizinalcannabis als Arzneimittel einnimmt.

Cannabis Ausscheidung aus dem KörperTHC-Halbwertszeit im Körper

Die Wirkung von Cannabis tritt je nach Einnahmeform innerhalb weniger Minuten oder Stunden ein und dauert zwischen 2 und 8 Stunden an (15). Abhängig von der Art und Regelmäßigkeit der Einnahme kann THC selbst mehrere Tage und seine teils auch aktiven Abbauprodukte sogar noch mehrere Wochen nach letztmaliger Einnahme im Körper nachgewiesen werden (13). Die Verstoffwechselung von Arzneimitteln (Abbau, fachsprachlich Metabolisierung) dient der Vorbereitung der Ausscheidung aus dem Körper. Wie schnell diese vonstattengeht, kann man durch die Angabe der Halbwertszeit beschreiben.

Die Eliminationshalbwertszeit einer Substanz, kurz Halbwertszeit genannt, ist die Zeit, in der die Konzentration einer Substanz im Blutplasma auf die Hälfte des ursprünglichen Wertes abgefallen ist. Sie wird meist in Stunden angegeben, bei sehr schnell ausgeschiedenen Stoffen auch in Minuten. Nach Ablauf einerzweiten Halbwertszeit findet sich dann noch ein Viertel der Ursprungswertes und so weiter. Man geht davon aus, dass nach fünf Halbwertszeiten kein Arzneistoff mehr im Blut vorhanden bzw. dieser nicht mehr nachweisbar ist.. Die Zeitspanne, in der THC mit aktuellen Methoden nachweisbar ist, hängt unter anderem von der Häufigkeit des Konsums ab: (15):

  • bei seltenem Cannabiskonsum sind es durchschnittlich 1-3 Tage;
  • bei regelmäßiger Anwendung können es 5-13 Tage sein (laut einigen Studien sogar bis zu 30 Tage);

Das bedeutet, dass ein entsprechender Drogentest bei Patienten, die selten konsumieren, auch nach mehreren Tagen ein positives Ergebnis aufweisen kann und bei Patienten, die regelmäßig konsumieren, sogar bis zu 30 Tage (13).

Fazit

Alles in allem ist das Thema “Autofahren und Cannabis” komplex und muss aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Die gesetzlichen Regelungen gelten für alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen. Jedoch muss die Rechtslage speziell im Hinblick auf die für Cannabispatienten geltenden Besonderheiten beachtet werden. Jedenfalls bringt die Einführung des Grenzwertes für Tetrahydrocannabinol mit der Neufassung des § 24a StVG eine gewisse Klarheit für Cannabispatienten bei der Teilnahme am Straßenverkehr mit sich.

Referenzen:

1. How Big Is Germany’s Medical Cannabis Market? [Internet]. [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://www.forbes.com/sites/dariosabaghi/2021/08/09/how-big-is-germanys-medical-cannabis-market/?sh=5995442440f4

2. Gastautor. Auf diesen Gründen beruht die wachsende Anzahl an Cannabis-Patient:innen in Deutschland [Internet]. Krautinvest. 2022 [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://krautinvest.de/auf-diesen-gruenden-beruht-die-wachsende-anzahl-an-cannabis-patientinnen-in-deutschland/

3. Holden D. Half Of Marijuana Users In The US Think They’re Fine To Drive Stoned [Internet]. BuzzFeed News. [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://www.buzzfeednews.com/article/dominicholden/half-marijuana-users-us-safe-drive-while-high

4. Sewell RA, Poling J, Sofuoglu M. THE EFFECT OF CANNABIS COMPARED WITH ALCOHOL ON DRIVING. Am J Addict Am Acad Psychiatr Alcohol Addict. 2009;18(3):185–93.

5. Lenné MG, Dietze PM, Triggs TJ, Walmsley S, Murphy B, Redman JR. The effects of cannabis and alcohol on simulated arterial driving: Influences of driving experience and task demand. Accid Anal Prev. 2010 May 1;42(3):859–66.

6. Deutscher Bundestag. (2017, März 27). Drucksache 18/11701: Cannabismedizin und Straßenverkehr. Bundestag.de [Internet]. dejure.org. [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://dejure.org/Drucksachen/Bundestag/BT-Drs._18/11485

7. Grotenhermen F, Häußermann K. Cannabis: Verordnungshilfe für Ärzte. 2., aktualisierte Edition. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2017.

8. Does Marijuana Legalization Increase Traffic Accidents? [Internet]. Reason Foundation. 2018 [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://reason.org/policy-brief/does-marijuana-legalization-increase-traffic-accidents/

9. Müller-Vahl KR, Grotenhermen F. Cannabis und Cannabinoide: in der Medizin. 1. edition. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2019. 359 p.

10. § 24a StVG – Einzelnorm [Internet]. [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://www.gesetze-im-internet.de/stvg/__24a.html

11. § 316 StGB – Einzelnorm [Internet]. [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__316.html

12. § 315c StGB – Einzelnorm [Internet]. [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__315c.html

13. Hadland SE, Levy S. OBJECTIVE TESTING – URINE AND OTHER DRUG TESTS. Child Adolesc Psychiatr Clin N Am. 2016 Jul;25(3):549–65.

14. Verkehrsgerichtstag in Goslar eröffnet [Internet]. Aktuell. [cited 2022 Nov 3]. Available from: https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/verkehrsgerichtstag-eroeffnet-experten-diskutieren-aktuelle-themen

15. Sharma P, Murthy P, Bharath MMS. Chemistry, Metabolism, and Toxicology of Cannabis: Clinical Implications. Iran J Psychiatry. 2012;7(4):149–56.

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