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Die Geschichte von Cannabis in der Medizin

Mit Inkrafttreten des Gesetzes „Cannabis als Medizin“ am 10. März 2017 wurden die Möglichkeiten zur Verschreibung von Cannabisarzneimitteln erweitert. Damit sind medizinische Cannabisblüten durch die gesetzlichen Krankenkassen unter bestimmten Vorrausetzungen erstattungsfähig geworden.[1] Cannabis als Medizin rückt seitdem immer mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Wie können Patienten von Cannabis-basierten Medikamenten bei verschiedenen Krankheiten profitieren? Wie und wo erhalte ich ein Rezept? Welche Hinweise sollte man beachten? Dieser Artikel liefert Antworten auf diese und weitere Fragen und verschafft einen aktuellen Überblick.

Ein geschichtlicher Rückblick auf die therapeutische Verwendung der Cannabis-Pflanze

Die positiven Eigenschaften von Cannabispflanzen sind seit Langem bekannt. Seit Tausenden von Jahren verwenden die Menschen Stängel, Blätter oder Blüten zur Herstellung von Seilen, Kleidern, Schuhen, Papier aber auch als Nahrungsmittel und Arznei. Die medizinischen Eigenschaften von Cannabis waren schon vor mindestens 2500 Jahren bekannt, wie eine Studie eines Teams chinesischer Wissenschaftler unter Leitung von Hongen Jiang belegt. Sie untersuchten Grabstätten in Zentralasien, in denen sich unter den Haushaltsgegenständen Reste von Hanfstängeln und -blättern befanden.

Die Geschichte des weit verbreiteten Gebrauchs von Cannabis als Heilmittel begann schon vor unserer Zeitrechnung. Dies wird durch zahlreiche historische Quellen bestätigt:

  • Der chinesische Kaiser Fu Hsi erwähnte medizinisches Cannabis um 2900 v. Chr. in seinen Aufzeichnungen.
  • Der Volkslegende zufolge fand der Vater der chinesischen Medizin, Shen Nung, etwa 2700 v. Chr. echte Beweise für die heilenden Eigenschaften von Cannabis.
  • Erste Beschreibungen zur Verwendung von Cannabis bei der Behandlung von Glaukomen und Entzündungen geht auf das Jahr 1213 v. Chr. zurück, als Spuren dieser Pflanze in der Grabkammer von Ramses II. gefunden wurden.
  • Ein spezifisches Betäubungsgetränk namens Bhang, das aus Hanf und Milch bestand, wurde bereits um 1000 v. Chr. in Indien hergestellt.
  • In ähnlicher Weise verwendeten auch die alten Griechen um ca. 200 v. Chr. Cannabis, als Betäubungsmittel und entzündungshemmende Substanz.
  • In den Werken des römischen Historikers Plinius d. Ä. werden die heilenden Eigenschaften gekochter Hanfwurzeln gegen Schmerzen, Krämpfe und Gicht erwähnt.
  • Im Mittelalter wurden Medikamente auf Cannabis-Basis in Europa, Nordamerika und Großbritannien verbreitet.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekam Cannabis einen zwiespältigen Ruf. Einige Experten sahen in der Pflanze ein vielversprechendes Arzneimittel für neue Therapiemöglichkeiten. Für andere gilt Cannabis als gefährliche Droge, die Aggression, Gewaltbereitschaft und schließlich die Kriminalitätsrate fördert und gleichzeitig die kognitiven Fähigkeiten der Menschen beeinträchtigt. Ansichten wie diese waren weit verbreitet, obwohl aussagekräftige Belege dafür fehlten.

Für eine objektive und fundierte Bewertung der Wirkung von Cannabis auf den menschlichen Organismus sind daher Erkenntnisse und Nachweise aus der wissenschaftlichen Forschung wichtig.

Medizinisches Cannabis: Einblick in den biologischen Wirkmechanismus

Im Laufe der Geschichte entschlüsselten Wissenschaftler Stück für Stück die Bedeutung und das Potential von Cannabis in der Medizin. Zu den wegweisendsten zählt die Entdeckung des sogenannten Endocannabinoid-Systems, die erste wichtige Belege zum Wirkmechanismus von Cannabis im menschlichen Körper lieferte.

Die Ursprünge der Endocannabinoid-Forschung gehen dabei auf das Jahr 1942 zurück, als der amerikanische Wissenschaftler Roger Adams das erste Cannabinoid, Cannabidiol (CBD), identifizierte. Wenige Jahre später, 1964, entdeckte ein Team israelischer Forscher unter der Leitung von Raphael Mechoulam das heute wohl bekannteste Cannabinoid Tetrahydrocannabinol (THC). Der grundlegende Unterschied zwischen diesen beiden Stoffen ist die euphorisierende Wirkung: Während Tetrahydrocannabinol eine psychotrope Wirkung aufweist, ist Cannabidiol nicht psychoaktiv. Zu der damaligen Zeit wurde diesen Entdeckungen in der Fachwelt kein medizinischer Wert beigemessen. Erst 1990 bestätigte Raphael Mechoulam zusammen mit anderen Forschern, dass der menschliche Körper selbst Stoffe produziert, die den pflanzlichen Cannabinoiden ähnlich sind.  Diese sogenannten Endocannabinoide zählen zu den sogenannten Neurotransmitter, den Botenstoffen unseres Nervensystems.

Diese Entdeckung war ausschlaggebend für die Definition des Endocannabinoid-Systems (ECS). Das ECS wird seitdem als ein Signalsystem beschrieben, das entscheidend an der Kontrolle zahlreicher physiologischer Funktionen des menschlichen Körpers beteiligt ist: insbesondere an der Regulierung des Nerven- und Immunsystems, des Energiestoffwechsels, der Reproduktion, des Wachstums und der Differenzierung von Zellen. Das ECS besteht dabei aus drei Hauptkomponenten: den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2, aus endogenen Cannabinoiden sowie aus Enzymen, die für deren Synthese und Abbau verantwortlich sind.

Insgesamt liefern zahlreiche wissenschaftliche Studien Resultate, aufgrund derer dem Endocannabinoid-System eine entscheidende Rolle zugewiesen werden kann. Entscheidend dabei ist die Erkenntnis, dass der menschliche Körper von Natur aus mit diesem System ausgestattet ist. Dies macht man sich bei der Einnahme von Produkten mit synthetischen oder pflanzlichen Cannabinoiden zu Nutze, da diese an den Rezeptoren in diesem System andocken können. Diese extern zugeführten Cannabinoide werden von den körpereigenen Strukturen erkannt und können durch ihre Interaktion mit den CB1– und CB2-Rezeptoren verschiedene Reaktionen auslösen.

Mögliche Anwendungsbereiche für medizinisches Cannabis

Medizinisches Cannabis wird von vielen Forschungsgruppen auf der ganzen Welt eingehend untersucht. Wissenschaftlern aus den USA, den Niederlanden, Israel und weiteren Ländern ist es gelungen, die Wirksamkeit von Cannabis-basierten Medikamenten bei verschiedenen Krankheiten zu zeigen.

Auch Deutschland sammelt über die sogenannte Begleiterhebung Informationen zum Einsatz und der Anwendung bei unterschiedlichen Krankheiten oder Symptomen.

Wichtige Unterscheidungen bei verschiedenen Cannabis-Sorten

Die Abgrenzung von medizinischem Cannabis gegenüber dem sogenannten Industrie- oder auch Nutzhanf basiert in erster Linie auf dem Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC). Letzterer ist dadurch gekennzeichnet, dass der THC-Anteil unter 0,2% liegt. Das Cannabinoid CBD weist im Gegensatz zu THC keine psychoaktive Wirkung auf, sodass hier keine maximalen Grenzwerte für Industriehanf festgelegt sind.

Nebenwirkungen und Gewöhnungseffekt

Auf dem Medikamenten-Beipackzettel Cannabis-basierter Präparate wird häufig auf das Suchtpotential als mögliche Nebenwirkung verwiesen.

Zu den bislang am häufigsten auftretenden Nebenwirkungen zählen verminderte Konzentrationsfähigkeit und erhöhte Müdigkeit. Stimmungsschwankungen, Muskelschwäche, trockener Mund, schneller Herzschlag und erhöhter Appetit gelten ebenfalls als wahrscheinlich. In keiner wissenschaftlichen Studie zeigte sich bisher, dass Cannabis lebensbedrohliche Komplikationen verursachen kann.

Es ist bekannt, dass sich bei langfristigem Gebrauch von Cannabis, unabhängig von Häufigkeit und Dosierung, oftmals ein Gewöhnungseffekt beobachten lässt. Dies sollte man bei Cannabis-basierten Therapien unbedingt berücksichtigen, um den therapeutischen Erfolg beim Patienten aufrecht zu erhalten. Durch diesen Gewöhnungseffekt könnte eine Dosisanpassung im Sinne einer moderaten Erhöhung erforderlich werden.

Zusammenfassung: Schlüsselwirkungen von medizinischem Cannabis

Die Verwendung von medizinischem Cannabis kann ein breitgefächertes Spektrum an Effekten, insbesondere bei bestimmten Krankheiten haben. Informationen finden Sie in der der Begleiterhebung, die genau diese Wirkungen untersucht.

Medizinisches Cannabis in Deutschland: Verschreibungsregeln

In der Vergangenheit musste für die therapeutische Verwendung von Cannabis eine Betäubungsmittelerlaubnis bei der Bundesopiumstelle beantragt werden, um Cannabis in der Apotheke als Patient im Rahmen einer Arzt-gestützten Therapie kaufen zu können. Dies wurde durch die Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes im Jahr 2017 geändert: seither sind alle approbierten Ärzte in Deutschland berechtigt, Patienten Cannabis-basierte Medikamente als Primär- oder Sekundärbehandlung zu verschreiben. Die Verschreibung setzt jedoch eine ausführliche Anamnese und detaillierte Untersuchung des Gesundheitszustands sowie der Behandlungsprognosen des Patienten voraus. Zahnärzten und Tierärzten ist eine Verschreibung von cannabisbasierten Arzneimitteln nicht erlaubt.

Bei folgenden Ausgangsbedingungen wird eine Verschreibung von medizinischem Cannabis durch den Arzt als wahrscheinlich angesehen:

  • der Patient leidet an einer schweren Krankheit;
  • die herkömmliche Behandlung ist nicht wirksam oder mit unvertretbaren Nebenwirkungen behaftet;
  • wenn eine Aussicht besteht, dass ein Cannabis-haltiges Medikament einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben könnte.

Nach Abwägung aller Informationen über die Krankheit und den Zustand des Patienten kann der Arzt ein Rezept ausstellen. Die Kosten der Behandlung werden unter bestimmten Voraussetzungen von der Krankenkasse übernommen. Dazu ist es erforderlich, sich vor der ersten Genehmigung bei der Krankenversicherung detaillierte Informationen einzuholen und einen entsprechenden Antrag auf Kostenübernahme zu stellen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass der Arzt bei der Verschreibung von medizinischem Cannabis viele Faktoren berücksichtigen und vor allem den potenziellen Nutzen der Einnahme gegen die möglichen Risiken und Nebenwirkungen abwägen muss.

In Deutschland verfügbare Formen von Cannabis als Medizin

Aktuell werden in Apotheken in Deutschland verschiedene Darreichungsformen und Wirkstoffzusammensetzungen angeboten.  Diese können vom Arzt auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben werden. Folgende Arzneimittel können zur Anwendung kommen:

  • Fertigarzneimittel mit Nabiximol und Nabilon; diese werden als Spray oder Kapseln angeboten;
  • Medikamente mit Dronabinol; diese werden in der Apotheke auf Grundlage des individuellen Rezepts zur finalen Abgabe an den Patienten hergestellt; meistens werden sie als Tropfen auf Öl-Basis verschrieben;
  • getrocknete Cannabis-Blüten; diese werden vor der Einnahme durch den Patienten in einfachen Schritten vorbereitet und dann im Regelfall mit einem Verdampfer angewendet. Durch das Erhitzen in diesem Gerät; werden die Wirkstoffe der Cannabis-Pflanze aktiviert. Der Arzt kann jedoch auch vorgeben, dass die Blüten schon in der Apotheke gemahlen werden sollen und der Patient zuhause nur noch die ärztlich vorgegebene Menge entnimmt;
  • Cannabis-Extrakte, hierbei handelt es sich um Lösungen, in denen die Wirkstoffe bereits aktiviert vorliegen;

 

[1] Horlemann, J. (2018). DGS Praxisleitlinien. Abgerufen 10. Juni 2020, von https://dgs-praxisleitlinien.de/cannabis/